X+ San Diego
Der blaue Himmel überwog heute alles. Aufgewacht in den Armen des einzigen Menschen, zu dem ich eine feste Bindung habe, bewegte ich mich, fast wie ein Phantom. Es ging mir gut. Das lächeln war zwar, wie so oft diese Tage, versiegt, dennoch schleppte ich meinen geschundenen Körper durch die fast kalte Wohnung. Sie wollte früh weg, ich wurde ohne Wecker vor der geplanten Zeit wach. Ich habe den Kaffee aufgestellt.
Schnöde und antriebslos, das allmorgendliche Ritual, die Zigarette klebte an den spröden Lippen.
Vier bis achtzehn Klicks am Rechner, die Musik leise angemacht, sie schlief ja noch. Erstes Motto des Tages: wach werden. Es verlief schleppend.
Zur geplanten Aufstehzeit, legte ich mich neben sie. Ein Kuss auf Wange und Stirn, der leichte Geruch von saurem Essen im Mund, beiderseits, stimmte mich froh, ließ mich lächeln und sagen, das es Zeit ist aufzustehen.
Man meint, ein Moment vollen Glücks, eine zufriedene, aufrichtige Beziehung zu sehen. Was wir sind, bleibt verborgen. Der Lockruf des Kaffees verschwand in ihr, meine Gliedmaßen richteten sich zum wieder aufstehen.
Nach einiger Zeit dieses fast belangloses, trotzdem wunderbaren beisammen Seins richteten wir uns beide zum gehen, sie musste los.
Insgesamt ein Morgen, den ich so wie alles die letzten Wochen positiv sehe. Ich trinke. Noch. Aber ich erkenne den Unterschied, greife nicht mehr jeden Tag nach der Arbeit zur Flasche, erkenne Grenzen die ich übermalt hatte und was habe ich heute davon?
Positiv:
Ich verfüge über ein wenig mehr Geld. Dieses gebe ich für eine der letzten Leidenschaften aus, die ich Besitze: Technik. Sei es, ob neues PC-Zubehör, den Gedanken an eine neue Kamera oder den Gedanken, ob ich mir zu dem HD-Fernseher endlich mal eine PS3 kaufen sollte. Meine Eltern unterstützen mich in diesen Gedanken voll und ganz, vor allem mein technikbegeisterter Vater.
Weiterhin fällt mir auf, das ich eine alte Liebe wieder entdeckt habe, bzw. sie mir wieder entgegen kommt. Worte. Ich war schon immer verliebt in Worte, Fremdworte, Sprache. Der Suff hat, neben den Gedanken und Gefühlen auch meinen Wortschatz erheblich dezimiert. Ich begrüße es sehr, das dem nicht mehr so ist.
Auch fällt mir auf, das gerade wichtige Gespräche länger (es gab keine Zeit in der ich es sofort vergessen habe, aber eben auf Dauer) oder gar, wenn es wichtig wird, für immer in meinem Gedächtnis bleiben.
Die Lust, kreativ zu sein, ist wieder gestiegen, auch wenn mir das Zeug fehlt... In diesem Fall, siehe später „negativ“.
Arbeiten gehen fällt mir deutlich leichter, als mit leichtem Katerschädel, auch fällt es mir leichter aufzustehen, mich auf die Arbeit zu konzentrieren bzw. auf der Arbeit „Wille“ zu zeigen.
Am gravierendsten ist mir allerdings positiv ins Auge geplumpst, das ich gelassener geworden bin. Der Hass schlummert in mir, das steht außer Frage. Ich muss aber zugeben, das ich ihn ohne den Alkohol viel seltener Wecke.
Negativ:
Ich fresse. Und ich meine das so. Tischmanieren sind zwar bekannt, werden aber nie eingehalten und die Mengen die ich verzehre sind katastrophal. Innerhalb von zwei Wochen Urlaub habe ich 8576 Gramm zugenommen. Gefühlt. Geschätzt noch mehr. Wohl wissend besitze ich keine Waage, aber meinen Gürtel habe ich Satte 6 Löcher vorher zumachen müssen. Die Ansatzweise sichtbaren Wangenknochen und eher eingefallenen Backen waren weg, das Gesicht wieder rund.
Ich kam in 5 von 8 Hosen nicht mehr rein, ohne mich zu zwingen. Meine Größe S Hemden passten zum Teil am Bauch, ich bekam sie am Hals aber nicht mehr zu.
Weiter fiel mir auf, das ich unfähig war irgendetwas zu bloggen oder generell zu schreiben. Mein Gehirn war erschöpft und leer. Es schien in diesen Tagen, als würde ich jegliche Kreativität aus dem betrunkenen Gehirn ziehen.
Auch die Gewohnheiten (die beim Rauchen übrigens noch extremer und schwerfälliger abzustellen sind) musste ich mir neu erarbeiten. Nach dem Arbeiten gegenüber drei Bier für den Heimweg, den Rest in den hiesigen Läden. Es war schwer auf dieses Ritual zu verzichten. Ich kompensierte es mit Essen.
Ebenso habe ich bemerkt, das ich mein Leben als Misanthrop und Einzelgänger, nun das erste mal wirklich auslebte. Betrunken kam mir immer der Gedanke, oder mir stand der Sinn danach, mich mitzuteilen. Vorzugsweise Menschen, die mich mögen und verstehen.
In dieser Erholungsphase wollte ich weder sprechen, noch mitteilen, noch sein, noch bloggen und schon gar nicht in Gesellschaft sein. Ich fühlte mich leer, es ging keinen was an, und es gab keine Medizin mehr.
Das einschneidendste hier ist sicherlich, das ich jegliche Kreativität aus meinen besoffenen Gedanken sog. Aber ich glaube, Leser die mich schon länger verfolgen, sehen anhand von diesem Eintrag die Unterschiede.
Neutral:
Was geblieben ist, ist der negative, misanthropische Gedanke an die Welt, der Pessimismus dazu und meine Vorliebe mich einzusperren und nichts von alldem hören zu wollen.
Ebenso die wiedergefundene Leidenschaft für Dinge aus der Kindheit (bestes Beispiel „Star Wars“) oder einfach nur die Ruhe zu genießen, ohne den Kopf mit all dem pochenden Hass zu füllen.
Man kann sagen, ich bin noch immer der Gleiche. Nur gab ich zu viel Energie in den Suff. Oder der Suff auf mich. Ich will nicht rechtschaffener werden. Ich will kein Gutmensch werden. Ich will einfach nur ich sein, ohne mich geistig einzuschränken, will ich sein ohne fett zu werden, will das ausleben was ich schon immer fühlte, was ich ewig betäubte.
Vor allem sie hilft mir dabei... Wenn ich ein guter Mensch wäre, würde ich an ihrer Seite bleiben.